Die Ehrenfelder Gruppe und die Edelweißpiraten
Am 10. November 1944 wurden an einer Bahnunterführung im Kölner Stadtteil Ehrenfeld dreizehn Männer und Jugendliche ohne Gerichtsurteil öffentlich erhängt. Unter ihnen waren mehrere minderjährige Edelweißpiraten, die jüngsten gerade sechzehn Jahre alt. Die sogenannte Ehrenfelder Gruppe um den KZ-Flüchtling Hans Steinbrück steht heute im Zentrum der Erinnerungskultur des Veedels — die Hinrichtungsstätte an der heutigen Bartholomäus-Schink-Straße ist ein zentraler Ort jeder Spurensuche durch Ehrenfeld.
Unangepasste Jugend im Arbeiterveedel
Die Edelweißpiraten waren informelle Gruppen des deutschen Jugendwiderstands, die in der NS-Zeit hauptsächlich im Rheinland aktiv waren. Unangepasste Jugendliche, die den Dienst in der Hitlerjugend ablehnten, trafen sich unorganisiert auf Plätzen und in Parks; ihr Erkennungszeichen war ein Edelweiß, weshalb das NS-Regime sie als Oppositionelle verfolgte3. In Köln-Ehrenfeld trafen sie sich unter anderem im Blücherpark3. Im Arbeiterstadtteil Ehrenfeld bildete der Hochbunker in der Körnerstraße einen weiteren regelmäßigen Treffpunkt1.
Sabotage und Schink
Zu den bekanntesten Mitgliedern zählte Bartholomäus „Barthel" Schink, geboren am 27. November 19272. In der Nacht des 20. April 1944, anlässlich Hitlers Geburtstag, zog Schink zusammen mit weiteren Edelweißpiraten — darunter Fritz Theilen und Franz Rheinberger — los, um am Kölner Bahndamm Sabotage zu betreiben2. Durch gezielte Manipulation der Gleise gelang es ihnen, einen mit Holz und Lastwagen für die Wehrmacht beladenen Güterzug zum Entgleisen zu bringen2.
Im Juni 1944 lernten sich Franz Rheinberger und Bartholomäus Schink am Bunker Körnerstraße kennen. Rheinberger führte Schink in den Kreis um Hans Steinbrück ein, einen aus dem KZ-Außenlager Köln-Messe geflohenen Häftling, um den sich im Sommer und Herbst 1944 eine Widerstandsgruppe mit mehr als hundert Mitwissern bildete4. In dieser Ehrenfelder Gruppe schlossen sich Edelweißpiraten, geflohene Häftlinge, Zwangsarbeiter, Juden und Deserteure zusammen4.
Die Hinrichtung am Bahnhof Ehrenfeld
Nach einer anonymen Denunziation gelang es der Gestapo, die Gruppe und ihr Versteck zu ermitteln2. Direkt am Bahnhof Ehrenfeld, im Bereich der heutigen Bartholomäus-Schink-Straße, Schönsteinstraße und Venloer Straße, erhängten Gestapo und SS am 25. Oktober 1944 und am 10. November 1944 Zwangsarbeiter und Mitglieder der Ehrenfelder Gruppe ohne Urteil öffentlich1. Mehr als 400 Schaulustige beobachteten die Hinrichtung am 10. November1. Unter den Getöteten waren Hans Steinbrück, Bartholomäus Schink, Franz Rheinberger, Gustav Bermel, Adolf Schütz und Günther Schwarz1.
Nachkriegszeit und Erinnerung
Nach 1945 gab es zunächst keine Erinnerungskultur an die Edelweißpiraten1. Die Familie Schinks beantragte 1952 dessen Anerkennung als politisch Verfolgten; nach Ablehnung endete der Rechtsstreit 1958 mit der Bestätigung der Ablehnung4. Erst 1978 berichtete das WDR-Magazin Monitor, dass Bartholomäus Schink in Justizakten weiterhin als „Krimineller" geführt wurde — der überlebende Kölner Edelweißpirat Jean Jülich setzte sich daraufhin für die Rehabilitierung ein1. 1984 würdigte die israelische Gedenkstätte Yad Vashem Bartholomäus Schink und Jean Jülich als Gerechte unter den Völkern4.
Heute erinnern Wandgemälde und eine Gedenktafel an den Bögen der Bahnunterführung an die Unrechtstaten1. Die Hochtrasse mit Bahnbögen entlang der Bartholomäus-Schink-Straße wurde am 7. Juli 2009 in die Kölner Denkmalliste eingetragen1. Ein regelmäßiger Schweigemarsch startet am Hochbunker Körnerstraße, der den Edelweißpiraten zeitweise als Treffpunkt diente1 — die Ehrenfelder Gruppe bildet heute einen wesentlichen Kristallisationspunkt der lokalen Identität des Veedels4.
Dieses Thema greifen wir auch in der Stadtführung Veedelstour Ehrenfeld auf.
Quellen
- NS-Hinrichtungsstätte am Bahnhof Ehrenfeld (KuLaDig)
Direkt am Bahnhof in Ehrenfeld im Bereich der heutigen Bartholomäus-Schink-Straße, Schönsteinstraße und Venloer Straße wurden am 25. Oktober 1944 und am 10. November 1944 von der nationalsozialistischen Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und der NS-Schutzstaffel (SS) Zwangsarbeiter und Mitglieder der Ehrenfelder Gruppe der Edelweißpiraten ohne Urteil öffentlich erhängt. Mehr als 400 Schaulustige beobachteten die Hinrichtung der auch Steinbrück-Gruppe genannten Ehrenfelder.
- Bartholomäus Schink ließ einen Güterzug der Reichsbahn entgleisen | Portal Rheinische Geschichte
Bartholomäus (Barthel) Schink (27.11.1927 - 10.11.1944) war Mitglied in der Ehrenfelder Gruppe. In der Nacht des 20. April 1944 zog er zusammen mit mehreren Edelweißpiraten - darunter Fritz Theilen und Franz Rheinberger - los, um anlässlich Hitlers Geburtstag am Kölner Bahndamm Sabotage zu betreiben.
- Der Blücherpark war ein beliebter Treffpunkt der Kölner Edelweißpiraten | Portal Rheinische Geschichte
Unangepasste Jugendliche, die den Dienst in der Hitlerjugend (HJ) ablehnten, trafen sich unorganisiert auf Plätzen und Parks in den Städten. Ihr Erkennungszeichen war ein Edelweiß, nach dem sie sich Edelweißpiraten nannten. Vom NS-Regime wurden sie als Oppositionelle verfolgt. In Köln-Ehrenfeld trafen sie sich im Blücherpark.
- Ehrenfelder Gruppe – Wikipedia
Die Ehrenfelder Gruppe (auch Steinbrück-Gruppe) war eine im Sommer und Herbst 1944 in Köln aktive Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus, zu deren Mitgliedern und Mitwissern mehr als hundert Personen zählten. In ihr hatten sich um Hans Steinbrück, einen aus dem KZ-Außenlager Köln-Messe geflohenen Häftling, Edelweißpiraten aus dem Arbeiterstadtteil Ehrenfeld, Jugendliche, geflohene Häftlinge und Zwangsarbeiter, Juden und Deserteure zusammengeschlossen.